Im Jahr 1941 beginnt die junge niederländische Jüdin Etty Hillesum mit Tagebuchaufzeichnungen. Zwei Jahre später wird sie in Auschwitz ermordet. Ihre Tagebücher sind unter dem Titel „Das denkende Herz“ erschienen. Darin beschreibt sie die zunehmende Verfolgung durch die deutsche Besatzungsmacht.
Wie ihr in dieser lebensbedrohlichen Situation trotz aller Demütigungen ein Leben in Würde gelingt; wie sie durch Angst und Verzweiflung hindurch immer mehr in eine tragende Gottesbeziehung hineinwächst, davon erzählt das tief bewegende Buch.
Wenige Wochen vor ihrer Deportation schreibt Etty Hillesum:
„Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen.“
Gott braucht unsere Hilfe, sagt Etty. Angesichts von Verfolgung und Vernichtung ist es das, was sie an Gott hält. „Du kannst uns nicht helfen, sondern wir müssen dir helfen!“. Etty ringt um Gott – nicht, indem sie Gottes Allmacht einklagt. Nein, inmitten der Grausamkeiten, die sie und ihr Volk erleben, kann es das nicht mehr geben: einen allmächtigen gütigen Gott. Vielmehr – das lese ich aus ihren Zeilen – ist Gott mitten drin im Leid, ohnmächtig, schwach, hilflos. Gott selbst braucht Hilfe um zu überleben.
Mich bewegt das zutiefst: dass hier eine Frau, die am Abgrund steht, sagen kann: Ich kann Gott helfen – ich mit meiner Würde und meiner kleinen Kraft, ich mit meinem bedrohten Leben und meiner Leidenschaft.
Es ist eine wirkliche Liebesbeziehung zu Gott, um die Etty Hillesum kämpft. Kein einseitiges Verhältnis von oben nach unten, keines, in dem Gott gibt und wir nehmen. Sondern eine Gegenseitigkeit, in der ich Gott brauche und in der zugleich Gott mich braucht. Das ist gemeint, wenn es heißt, dass wir Gottes Ebenbilder sind. Im Bilde Gottes geschaffen sein bedeutet, uns selber ansehen als solche, die wie Gott handeln können. Die fähig sind, Gott zu helfen, gerade da, wo Elend und Verzweiflung Gott ohnmächtig machen. „Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott.“
Daniela Hammelsbeck, Pfarrerin in Müllheim
01.02.2012